Die Nähstube – Miteinander. Kreativsein

Die Nähstube des Fluchtpunkt Kürten – gemeinsam nähen, begegnen und gestalten

Was 2016 mit einer gekürzten Gardine begann, ist längst viel mehr als eine Nähstube: ein Ort der Begegnung, der Kreativität und des Miteinanders. Nach einer bewegten Geschichte und einer vorübergehenden Schließung sind die Nähmaschinen seit August 2026 wieder in Betrieb.

Wie alles begann

Im Sommer 2016 wollte Leni Strunk einer Familie in der Notunterkunft in Schanze helfen und eine Gardine kürzen. Als sie dafür im Flur ihre Nähmaschine aufstellte, zog das vertraute Surren schnell weitere Bewohner an. Einige Männer kannten das Nähen aus ihrer Heimat und wollten gern mitmachen.

Kurzerhand wurden gebrauchte Nähmaschinen organisiert und unter der Trägerschaft des Fluchtpunkt Kürten entstand in Schanze die Nähstube. Bald erhielten die zunächst tristen Räume der Notunterkunft schöne Gardinen. Doch dabei blieb es nicht: Hosen wurden gekürzt, Reißverschlüsse erneuert und immer neue kreative Ideen umgesetzt.

Als der Nähstube Markisenstoff geschenkt wurde, entstand daraus eine Kollektion außergewöhnlicher Taschen. Auf Vereinsfesten und Basaren wurden sie gegen eine Spende abgegeben und erfreuten sich schnell großer Beliebtheit.

Besondere Bekanntheit erlangten die Taschen 2019. Nach einer Berlin-Reise mit Geflüchteten kam Willi Broich auf dem Tafelfest auf die Idee, dem Bundestagsabgeordneten Hermann-Josef Tebroke eine Tasche mit der Bitte mitzugeben, sie an Bundeskanzlerin Angela Merkel weiterzureichen. Spätestens damit hatte die Fluchtpunkt-Tasche Kultstatus erlangt.

Fast 1.000 Stoffmasken für die Region

Zu Beginn der Corona-Pandemie zeigte die Nähstube erneut, was gemeinschaftliches Engagement bewirken kann. Als Schutzmasken noch nicht für die Öffentlichkeit zur Verfügung waren, organisierte sie eine ehrenamtliche Gruppe deutscher und ausländischer Näherinnen und Näher, die in Heimarbeit Stoffmasken herstellten.

In kürzester Zeit entstanden fast 1.000 Masken. Sie wurden in Kürten und Bergisch Gladbach verteilt – unter anderem an Alters- und Pflegeheime, das Rathauspersonal, Flüchtlingsunterkünfte, Geflüchtete in Privatwohnungen, Kundinnen und Kunden der Tafeln sowie zahlreiche Seniorinnen und Senioren.

Der damalige Bürgermeister der Gemeinde Kürten, Willi Heider, dankte Leni Strunk für ihren außergewöhnlichen Einsatz.

Eine Nähstube mit bewegter Geschichte

Im Laufe der Jahre musste die Nähstube mehrfach umziehen. Nachdem die Gruppe ihre ersten Räume in Schanze für andere Nutzung freigeben musste, fand sie in der Unterkunft in Kürten-Herweg eine neue Bleibe. Später zog sie gemeinsam mit der neu entstandenen Kleiderkammer in die früheren Gasträume einer Gaststätte in Kürten-Bechen. Ein weiterer Umzug innerhalb von Bechen folgte im Jahr [????].

Im Frühjahr 2026 schien die Geschichte der Nähstube zunächst zu Ende zu gehen. Es fehlten sowohl geeignete Räumlichkeiten als auch eine Person, die die Verantwortung für die Organisation übernehmen konnte. Leni Strunk musste diese Aufgabe aus gesundheitlichen Gründen im Alter von 92 Jahren abgeben. Eine Nachfolgerin ließ sich zunächst nicht finden.

Doch die Nähstube fehlte – und zwar nicht nur den Frauen, die dort über Jahre gemeinsam genäht hatten, sondern auch den Kundinnen und Kunden. Sie war längst zu einer festen Institution in der Gemeinde geworden, die vor allem Menschen zusammenbrachte und ihnen einen Platz für ihre Ideen und ihr Miteinander bot.

Dann entstand dovh noch die Möglichkeit für einen Neuanfang: Im August 2026 nahm die Nähstube ihre Arbeit in einem der Tiny-Häuser in Kürten-Spitze wieder auf, die von der Gemeinde als Unterkünfte für Geflüchtete bereitgestellt wurden. Die Organisation teilen sich nun die Frauen aus der bewährten Nähgruppe.

Heute wird wieder gemeinsam genäht

Seit dem Neustart surren die Nähmaschinen wieder jeden Donnerstag von 16 bis 18 Uhr. Derzeit kommen bis zu acht Frauen im Alter von unter 30 bis etwa 80 Jahren unterschiedlicher Herkunft und Religion zusammen.

Genäht wird mit viel Freude, begleitet von lebhaften Gesprächen, Tee oder Kaffee und Kuchen oder Keksen. Dabei entstehen nicht nur praktische und schöne Dinge. Ganz nebenbei werden Deutschkenntnisse verbessert, Erfahrungen ausgetauscht und Kontakte geknüpft. Die Nähstube ist ein Ort, an dem Menschen voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam etwas schaffen.

Änderungen und Näharbeiten – unser Angebot

Die Nähstube nimmt wieder Aufträge entgegen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Hosen kürzen und Röcke enger machen
  • Reißverschlüsse erneuern
  • Gardinen und Vorhänge anpassen
  • Taschen und Rucksäcke nähen
  • Leseknochen, Herzkissen für Patientinnen und Patienten, Untersetzer und Topflappen herstellen

Die Arbeiten werden grundsätzlich kostenlos ausgeführt. Über eine Spende als Anerkennung für den Aufwand und zur Unterstützung der Nähstube freuen sich die Frauen jedoch sehr.

Auch wer selbst gern näht, ist herzlich willkommen. Vorkenntnisse sind eine gute Grundlage, aber vor allem zählen die Freude am gemeinsamen Tun und die Bereitschaft, sich einzubringen.

Unterstützung ist willkommen

Damit die Nähstube dauerhaft bestehen und ihre Arbeit fortsetzen kann, freut sie sich über Geld- und Sachspenden.

Ständig benötigt werden beispielsweise:

  • Zickzack- und Schneiderscheren
  • Nähmaschinennadeln
  • geeignete Stoffe

Geldspenden kommen der Arbeit der Nähstube zugute. Der Fluchtpunkt Kürten e. V. stellt auf Wunsch Spendenquittungen aus.

Offen für alle

Die Nähstube in Spitze ist nicht nur für Menschen aus Kürten interessant. Auch Interessierte aus Herkenrath und Herrenstrunden können das Angebot gut erreichen. Die Unterkunft liegt verkehrsgünstig an einem Knotenpunkt der Buslinien 426 (Bergisch Gladbach–Wipperfürth) und 454 (Bensberg–Bechen).

Ob mit oder ohne Migrationshintergrund, ob jung oder alt, ob mit großem oder kleinem Geldbeutel: In der Nähstube sind alle Menschen willkommen.

Denn hier geht es um weit mehr als um Nadel, Faden und Stoff. Es geht um Begegnungen, gegenseitige Unterstützung und die Freude daran, gemeinsam etwas zu bewegen.

Die Nähstube freut sich auf neue Gesichter, kreative Ideen, Nähaufträge und jede Unterstützung, die ihren Fortbestand sichert.

Nähstube des Fluchtpunkt Kürten e. V.

Donnerstags, 16 bis 18 Uhr

Ort: Flüchtlingsunterkunft Spitze, Kürten

Kontakt und Informationen: über den Fluchtpunkt Kürten e. V. unter [Kontaktdaten ergänzen]

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