Die Nähstube des Fluchtpunkt Kürten – ein Ort der Begegnung, der Kreativität und des Miteinanders
Seit einem Neustart im August 2026 surren die Nähmaschinen endlich wieder jeden Donnerstag (außer an Feiertagen) von 16:00 bis 18:00 Uhr.
Derzeit kommen bis zu acht Frauen im Alter von Mitte 20 bis etwa 80 Jahren unterschiedlicher Herkunft und Religion im Sozialraum der Unterkunft in Spitze zusammen.
Genäht wird mit viel Freude und Elan, begleitet von lebhaften Gesprächen, Tee oder Kaffee und Kuchen oder Keksen. Dabei entstehen nicht nur praktische und schöne Dinge. Ganz nebenbei werden Deutschkenntnisse vermittelt, Erfahrungen ausgetauscht und Kontakte geknüpft. Die Nähstube ist ein Ort, an dem Menschen voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam etwas schaffen.
Die Nähstube nimmt wieder Aufträge entgegen
Dazu gehören beispielsweise:
- Hosen kürzen und Röcke enger machen
- Reißverschlüsse erneuern
- Gardinen und Vorhänge anpassen
- Taschen und Rucksäcke nähen
- Leseknochen, Herzkissen für Patientinnen und Patienten, Untersetzer und Topflappen herstellen
Die Arbeiten werden grundsätzlich kostenlos ausgeführt.
Über eine Spende als Anerkennung für den Aufwand und zur Unterstützung der Nähstube freuen sich die Frauen jedoch sehr.
Wie vor 10 Jahren alles begann
Im Sommer 2016 wollte Leni Strunk einer Familie in der Notunterkunft in Kürten-Schanze helfen und eine Gardine für sie kürzen. Als Leni im Flur ihre Nähmaschine aufstellte und zu nähen begann, zog das vertraute Surren weitere Bewohner an. Einige Männer kannten das Nähen aus ihrer Heimat und wollten gern mitmachen.
Kurzerhand wurden gebrauchte Nähmaschinen organisiert und unter der Trägerschaft des Fluchtpunkt Kürten entstand in Schanze die erste “Nähstube”. Bald erhielten die tristen Räume der Notunterkunft alle schöne Gardinen. Doch dabei blieb es nicht: Hosen wurden gekürzt, Reißverschlüsse erneuert und immer neue kreative Ideen umgesetzt.

Besondere Bekanntheit erlangten die Taschen im Jahr 2019. Nach einer Berlin-Reise mit Geflüchteten kam Willi Broich auf dem Tafelfest auf die Idee, dem Bundestagsabgeordneten Hermann-Josef Tebroke eine Tasche mit der Bitte mitzugeben, sie an Bundeskanzlerin Angela Merkel weiterzureichen. Spätestens damit hatte die Fluchtpunkt-Tasche Kultstatus erlangt.
Fast 1.000 Stoffmasken für die Region
Zu Beginn der Corona-Pandemie zeigte die Nähstube, was gemeinschaftliches Engagement bewirken kann. Als Schutzmasken noch nicht für die Öffentlichkeit zur Verfügung standen, organisierte sie eine ehrenamtliche Gruppe deutscher und ausländischer Näherinnen und Näher, die in Heimarbeit Stoffmasken herstellten.
Eine Nähstube mit bewegter Geschichte

Nachdem die Gruppe ihre ersten Räume in Schanze für anderweitige Nutzung freigeben musste, fand sie in der Unterkunft in Kürten-Herweg eine neue Bleibe.
Später zog sie gemeinsam mit der neu entstandenen Kleiderkammer des befreundeten Vereins ZinK in die früheren Gasträume der ehemaligen Gaststätte “Zur Erholung” in Kürten-Bechen ein.
Ein weiterer Umzug zusammen mit der Kleiderkammer innerhalb von Bechen folgte Ende Juli 2025.
Im Frühjahr 2026 schien die Geschichte der Nähstube nach 10-jährigem Bestehen zu Ende zu gehen. Es fehlten sowohl geeignete Räumlichkeiten als auch eine Person, die die Verantwortung für die Organisation übernehmen konnte. Leni Strunk musste diese Aufgabe aus gesundheitlichen Gründen im Alter von 91 Jahren abgeben, eine Nachfolgerin ließ sich nicht finden.
Ende Mai musste die Nähstube ihre Koffer packen und die Kleiderkammer verlassen. Das gesamte Hab und Gut wurde eingelagert, niemand wusste, wie es weiter gehen sollte.
Doch die Nähstube fehlte – und zwar nicht nur den Frauen, die dort über Jahre gemeinsam genäht hatten, sondern auch den Kundinnen und Kunden. Die Nähstube war längst zu einer festen Institution in der Gemeinde geworden, die Menschen zusammenbrachte und ihnen einen Platz für ihre kreativen Ideen und ihr Miteinander bot.
Dann eröffnete sich doch noch die Möglichkeit für einen Neuanfang: Im August 2026 nahm die Nähstube ihre Arbeit in einem der Tiny-Häuser in Kürten-Spitze wieder auf, die von der Gemeinde als Unterkünfte für Geflüchtete bereitgestellt worden waren. Die Organisation teilen sich nun die Frauen aus der bewährten Nähgruppe.
Unterstützung ist willkommen
Auch wer selbst gern näht, ist herzlich willkommen.
Vorkenntnisse sind eine gute Grundlage, aber vor allem zählen die Freude am gemeinsamen Tun und die Bereitschaft, sich einzubringen.
Damit die Nähstube dauerhaft bestehen und ihre Arbeit fortsetzen kann, freut sie sich über Geld- und Sachspenden.
Ständig benötigt werden beispielsweise:
- Zickzack- und Schneiderscheren
- Nähmaschinennadeln
- geeignete Stoffe
Geldspenden mit dem Verwendungszweck “Spende Nähstube” kommen ausschließlich der Arbeit der Nähstube zugute. Der Fluchtpunkt Kürten e. V. stellt auf Wunsch eine Spendenquittung aus.
Offen für alle
Die Nähstube in Spitze ist nicht nur für Menschen aus Kürten interessant. Auch Interessierte aus Herkenrath und Herrenstrunden können das Angebot gut erreichen. Die Unterkunft liegt verkehrsgünstig an einem Knotenpunkt der Buslinien 426 (Bergisch Gladbach–Wipperfürth) und 454 (Bensberg–Bechen).
Ob mit oder ohne Migrationshintergrund, ob jung oder alt, ob mit großem oder kleinem Geldbeutel: In der Nähstube sind alle Menschen willkommen.
Denn hier geht es um weit mehr als um Nadel, Faden und Stoff. Es geht um Begegnungen, gegenseitige Unterstützung und die Freude daran, gemeinsam etwas zu bewegen.
Die Nähstube freut sich auf neue Gesichter, kreative Ideen, Nähaufträge und jede Unterstützung, die ihren Fortbestand sichert.
Wo?
Flüchtlingsunterkunft Spitze
Bensberger Straße 11
51515 Kürten-Spitze
Kontakt:
naehstube@fluchtpunkt-kuerten.de